🎨 Impressions
Richard Ringer ist zur Zeit einer der besten deutschen Marathonläufer. Mit seinem Sieg bei den Europameisterschaften 2022 in München ist er zum ersten Mal auf meinem Radar erschienen und hat seitdem auch in mehreren anderen wichtigen Läufen außerordentlich gut abgeschnitten. Platz 12 bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris, sowie kürzlich erst ein 8. Platz beim Boston Marathon, wo jeweils die Rennen von Männern afrikanischen Ursprungs dominiert wurden.
Im Herbst 2025 wurde ich von einer jungen französischen Sonnenbrillen-Firma im Rahmen des Berlin Marathons zu einer Influencer-Veranstaltung eingeladen. Ich fühlte mich zwar geehrt, aber gleichzeitig auch etwas fehl am Platze. Denn neben diversen internationalen Social-Media-Athletinnen und -Athleten waren auch der deutsche Shooting Star auf der Bahn, Marc Tortell, sowie dann auch Richard Ringer vor Ort. Richard stand da plötzlich neben mir auf der Dachterrasse, ich konnte es kaum glauben. Ich war zwar zu schüchtern um mit ihm ins Gespräch zu kommen, aber beim gemeinsamen Lockerungslauf mit der etwa 30-köpfigen Gruppe im Anschluss, die ich führte, scherzten wir etwas und ich konnte ihn ein paar Dinge über die Weltmeisterschaft in Tokio fragen, bei der er ein paar Tage zuvor starker 13. wurde.
Im Rahmen des Hamburg Marathons 2026 stellte er dann sein Buch vor, das ich als Fan des Laufsports und beeindruckt von Richards Leistungen natürlich sofort gekauft habe – auch weil Co-Autorin Sonja von Opel eine Freundin von mir ist. Die meiste Schreibarbeit wurde allerdings von Richards Frau Nada-Ina Pauer geleistet, die ebenfalls eine talentierte Läuferin auf hohem internationalen Niveau ist. Sie kennt ihren Ehemann wie kein anderer Mensch und schreibt das Buch aus der Ich-Perspektive Richards.
Was mir sofort sehr positiv auffiel, ist wie detailliert das Buch ist. Man kann sagen, dass sich Rennberichte größtenteils chronologisch aneinanderreihen und es wird wirklich nichts an Informationen ausgelassen. Das ist mir sehr sympathisch, denn ich schreibe meine Rennberichte ganz ähnlich. Wir scheinen uns einig zu sein, dass es besser ist, mehr als weniger Informationen zu teilen. Nur wenn diese verfügbar sind, haben Leserinnen und Leser auch die Möglichkeit, von ihnen zu profitieren. Überspringen oder Querlesen geht immer, aber man kann nichts aufnehmen, was einfach nicht da ist.
Das Buch beginnt mit seinem ersten Marathon, den er während der Pandemie in Sevilla lief. Ich kannte das Resultat nicht, und das machte den Bericht direkt sehr spannend! Das galt für viele der Rennberichte. Als normal-interessierter Verfolger der Langstreckenszene waren mir abgesehen von seinen großen Erfolgen in München und Paris keine Ergebnisse bekannt, was das Buch insgesamt sehr aufregend machte. Es ist auch wirklich gut strukturiert geschrieben – manche Rennberichte werden kurz von Rennberichten anderer Rennen durchbrochen. Das lockert auf, gibt aber gleichzeitig auch mehr Kontext, um die erzielten Ergebnisse in Relation zu sehen und den Werdegang nachvollziehen zu können.
Auch der Einblick in die für mich völlig unbekannte Welt des Bahnlaufs ist toll. Wie so viele gute Langstreckler, kam auch Richard über die kurzen Bahnrennen zum Marathon. Wie so etwas abläuft mit der Qualifikation, was für eine Rolle Verbände und Trainerteams spielen, wie die Situation vor Ort ist, für welche Bahnrennen man sich entscheidet und für welche nicht und was die Sponsoren dazu zu sagen haben.
Besonders interessant ist neben seinem alltäglichen Training auch schlicht und einfach der Beruf des Profi-Läufers. Es ist schon ein ganz außergewöhnliches Leben, was diese Menschen führen, um ganz oben mitspielen zu können. Das komplette Leben dreht sich darum, es ist mit einem normalen Beruf nicht vergleichbar. Und ohne Leidenschaft ist es überhaupt nicht möglich. Man muss einen sehr starken Antrieb haben, um es zu etwas bringen zu können. Und es braucht wirklich viel Support und Verständnis im direkten Umfeld. Ernährung, Schlafrhythmus, das Auslassen von Feiern, die Gestaltungsmöglichkeiten im Urlaub – es wirkt sich auf absolut alles aus. Eine richtige Pause vom Training hat man in dem Sinne nicht, scheint mir. Abgesehen von Verletzungspausen, die aber dann mit speziellen täglichen Physioterminen und Reha-Sessions sowie Alternativtraining gefüllt werden, so dass es auch da keine Auszeit gibt. Das Mindset muss dazu passen.
Soweit zum inhaltlichen Aspekt des Buchs. Der Stil, mit dem Nada-Ina Pauer schreibt, ist sehr präzise, wirkt aber auf mich auch etwas hölzern. Es wird nicht gerade zugänglich oder besonders freundschaftlich formuliert, sondern eher nüchtern und kühl, teils mit sperrigen Wörtern und Halbsätzen. Ich habe mich erst gefragt, ob das eine bewusste Entscheidung war, aber dann kam heraus, dass Nada-Ina beruflich als Anwältin arbeitet. Aha! Ich persönlich hätte es mir etwas lockerer gewünscht, aber der Stil passt schon und behindert die inhaltliche Darstellung im Grunde nicht. Vielleicht ist es auch gerade richtig, da der eiserne Wille des Profi-Sportlers dadurch auch sprachlich untermauert wird. Präzise, zielgerichtet, keine laschen Formulierungen, keine Kompromisse.
Es finden im Buch viele Zeitsprünge statt. Das ist eine sehr gute Entscheidung, weil es dadurch nicht zu einem mühsamen Aneinanderreihen von Rennen wird. Allerdings gibt es dadurch immer wieder etwas störende Sätze und Fußnoten wie “Siehe Kapitel 6” oder “Wie in Kapitel 8 beschrieben” – die eigentlich unnötig sind. Im Laufe des Buches kommt man sowieso an all den relevanten Informationen vorbei.
Am Ende eines jeden Kapitels finden sich auf je einer Seite einige Stichpunkte, die Lektionen aus dem Kapitel nehmen und für uns Amateur-Läuferinnen und -Läufer adaptieren. Verfasst von Sonja von Opel. Vieles muss stark heruntergebrochen werden, da das Profi-Dasein doch komplett anders ist. Dadurch werden die Tipps so allgemein, dass sie für mich persönlich keinen richtigen Mehrwert haben. Ich wüsste dazu gerne, was andere Leserinnen und Leser da für sich herausziehen konnten, und hoffe, dass es den meisten geholfen hat.
Als kleiner Kritikpunkt ist das Format des Buches zu erwähnen. Ich habe die handsignierte Druck-Version des Buches gekauft, aber sonst lese ich ausschließlich digital auf meinem kindle, vor allem weil das leichter und handlicher ist. Bei diesem Buch war das ein besonders großer Unterschied, denn das Format ist unnötig groß gehalten, so dass pro Seite zur besseren Lesbarkeit zwei Text-Säulen nötig wurden, vier pro Doppelseite. Umständlich. Es sind zwar nur etwa 200 Seiten, aber alle glänzend lackiert und auf dickem Papier. Das Buch ist dadurch sehr schwer und ich weiß nicht, warum man sich dazu entschieden hat anstatt es handlicher zu drucken.
Ein Vorteil von dem qualitativen Druck ist, dass es am Ende eines jeden Kapitels einen kleinen Bildteil gibt. Die sind da sehr gut platziert, nämlich nachdem man über die gezeigten Situationen schon informiert ist und sein eigenes Bild vorm geistigen Auge hat. Für mich ist das ganz witzig, dass dann mit der Realität vergleichen zu können.
Der große Höhepunkt im Buch ist die EM in München 2022, die er gewann, und die den Titel des Buches möglich gemacht hat. Es ist das längste und beste Kapitel, und das Rennen wird immer mal wieder unterbrochen durch kurze Berichte über frühere Rennen, bei denen es nicht so ganz reichte oder irgendetwas schief gelaufen war. Diese machen den Sieg am Ende deutlich bedeutender und man kann sich richtig gut in Richards Situation reinfühlen und sich für ihn freuen. Sehr spannend und vor allem ungewöhnlich ist seine direkte Vorbereitung dieses Rennens: Wadenverletzung, daher äußerst viel Fahrradtraining und nur wenige Laufkilometer. Und auf dem Fahrrad nicht nur entspanntes Rollen, sondern harte 450-Watt-Intervalle, wie er schreibt. Dann hat er noch Hitzetraining dazu genommen, sowie erstmals in seiner Karriere die Saltin-Diät ausprobiert, obwohl ja eigentlich die goldene Regel lautet, eine neue Methode gerade eben nicht zum ersten Mal vor dem wichtigen Rennen auszuprobieren. Bei der Saltin-Diät ernährt man sich in der Woche vor dem Marathon-Wettkampf bewusst kohlehydratarm, damit die Glykogen-Speicher möglichst vollständig entleert werden. Man ersetzt das durch Fett- und Eiweiß-haltige Nahrung. Das macht sehr müde. Einige Tage vor dem Rennen stellt man dann um, und versucht möglichst viele Kohlehydrate zu sich zu nehmen, damit die entleerten Speicher so voll wie möglich werden. Für Richard war das sehr ungewöhnlich, dass er ausgerechnet vor diesem wichtigen Heimrennen so etwas ausprobiert, und es dann auch noch direkt zum Erfolg führte. Ein wirklich starkes Kapitel und eine umso stärkere Leistung.
Zum Ende im Buch gibt es noch eine Art Gast-Rennbericht von Hans Peter Ferner, einem Läufer, der 1982 über 800m in Athen Europameister wurde, obwohl er auf dem Papier den anderen Teilnehmern unterlegen war. Er gewann das Rennen mit einer taktischen Einteilung und einem starken Endspurt – ähnlich wie Richard Ringer in München. Obwohl gefühlte Welten zwischen diesen beiden Rennen liegen, lässt sich doch feststellen, dass Leistungssport irgendwie doch immer noch dasselbe ist. Mensch sein, Emotionen fühlen, Höchstleistungen bringen. Es haben sich am Ende im Verhältnis nur winzige Parameter geändert. Training und Wettbewerb im Sport ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst.
Noch ein kleiner Kritikpunkt ist die teilweise schwache Rechtschreibung und falsche Zeichensetzung. Vergessene Wörter kommen auch alle paar Seiten vor. Das finde ich etwas peinlich – man sollte hier dringend das Lektorat wechseln. Zum Ende hin wirkt das Buch dann auch etwas gehetzt.
Insgesamt ist es ein sehr interessanter Einblick in das Leben eines Profi-Leichtathleten. Richard Ringer ist ein toller Typ, dem man nur noch mehr Erfolg wünschen kann.
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